Probekapitel aus «Agnes und Rudolf»  (Auszug)

Das Dorf am Fusse des Zimmerbergs zählt mit seinen verstreuten Wachten und Gehöften, zu denen auch der Horgnerberg gehört, mittlerweile um die fünfhundert Einwohner. Wie eine stolze Wächterin ragt die Kirche mit ihrem spitzen Turm gegen den Himmel.

Bei der Haab herrscht lärmige Geschäftigkeit. Schiffsladungen werden gelöscht, neue Frachten aufgenommen. Begleitet von Kettengerassel, Wiehern, Rumpeln und Fluchen. Mulis und Pferde stehen in Gruppen herum, um Waren aufzunehmen. Der Güteraustausch blüht. Man fühlt sich politisch wieder sicher genug, den wirtschaftlich lebenswichtigen Handel mit der Innerschweiz und Italien voranzutreiben, und erfreut sich am wachsenden Wohlstand.

Es ist bereits Nachmittag. Wenigstens regnet es nicht mehr. Auch der Wind hat etwas nachgelassen. Neugierig blickt Agnes sich um. Vieles hat sich verändert. Das Dorf ist gewachsen, seit sie das letzte Mal hier war. Früher beherrschten Holzhäuser und malerische Fachwerkbauten das Dorfbild. Mehrere Gebäude aus Stein zeugen nun vom Wandel der Zeiten.

«Fast wie in der Stadt», staunt Agnes.

Nachdem Rudolf Ross und Wagen an einem Baum angebunden hat, schält sie ein Stück Käse und einen Laib Brot aus Tüchern. Hungrig kauen sie. Die letzte Mahlzeit liegt schon Stunden zurück. Ruedi hat am Brunnen den Wasserschlauch gefüllt, der nun die Runde macht. Rex schwenkt den umgehängten, leergefressenen Hafersack unwillig hin und her. Nachdem er aus dem Kübel gesoffen und seine Nüstern vom Haferstaub befreit hat, steht er mit hängendem Kopf dösend da, das Körpergewicht mal auf den rechten Hinterhuf, dann wieder auf den linken verlagernd. Vater Rudolf eilt davon: «Bleibt beim Wagen, ich bin bald zurück.»

Auf Empfehlung des Sustmeisters - einem einschüchternd vornehm gekleideten Herrn - sucht Rudolf das Gesellenhaus auf, in der Erwartung nützlicher Auskünfte, die ihm und seiner Familie für die Zukunft weiterhelfen könnten.

 

Kein gewöhnliches Leben  Auschnitt aus dem Manuskript

Langsam beginnt die Abendsonne hinter der schwarzen Silhouette des Zimmerbergwaldes unterzugehen, als ein Schwall Fruchtwasser Annas Körper verlässt und sich über den spaltendurchzogenen Holzboden ergiesst. Auf ihr Rufen hin springt Judith herbei. „Bring hurtig einen Kübel mit Wasser und einen Lappen, Kind.“ Schwer atmend setzt sich Anna wieder auf den Bettrand. Während ihre Tochter das, was vom rissigen Holz noch nicht aufgesogen ist, notdürftig aufwischt, greift sich die Schwangere abermals mit schmerzverzerrtem Gesicht an Bauch und Rücken und keucht: „Schnell, Judithli, hol mir das Berti!"

„Mutter schickt jetzt nach der Wehmutter!“, ruft die Tochter dem Vater im Vorbeieilen zu, der in der Küche bei den Kleinen sitzt. „Wo ist eigentlich Anni?“, will er wissen. „Wahrscheinlich versteckt sie sich, weil ihr bange ist vor Mutters Stöhnen!“„Dann schick sie herein, wenn du sie siehst! Es dunkelt schon bald.“ „Aber, aber Anni!“, rügt er das verängstigte Kind, als es etwas später daumenlutschend vor ihm steht, „wo treibst du dich denn herum?, spring geschwind hinüber zur Luise. Sie soll zur Mutter kommen!“


Der Brauch gebietet es, dass sich erfahrene Nachbarinnen bei Geburten gegenseitig unterstützen und der Wehmutter zur Hand gehen. Heilfroh über den Auftrag, rennt Anneli los.
Hin und her gerissen zwischen Furcht und Zuversicht, blickt Ruoff dem Ereignis entgegen. Schweissgeruch, vermischt mit dem Gestank gegerbter Häute, mit denen er sich tagtäglich abplagt, umwabert ihn wie eine Wolke. Anna hat vorhin nicht umsonst die Nase gerümpft, als er ihr über den Kopf streichen wollte. Sobald Luise da ist, würde er zum Brunnen hinüber gehen, sich waschen und ein frisches Leinenhemd überziehen. 

„Ist deine Mutter wieder so weit, Anni?“, erkundigt sich Magdalena Widmer freundlich, als sie genau in diesem Moment, in der Absicht frisches Wasser zu holen, vor ihre Haustüre tritt. Ohne den Gruss zu erwidern, huscht die Vierjährige an ihr vorbei. Mit der redet man nicht. Die ist nicht ganz geheuer, behaupten Mutter und Luise. Nicht nur wegen der schwarzen Katzen. Einen riesig grossen Hund hat sie auch, den sie fortwährend streichelt, und als wärs damit nicht genug, kräuseln sich fuchsrote Locken unter der hellbraunen Haube hervor. Das hätten sonst nur Hexen, sagt Luise. Bei schönem Wetter führt sie ihre weisse Geiss zum Waldrand hinauf und lässt sie dort fressen. Stets begleitet von Nero, dem mächtigen Hund, der so tief knurren kann, dass sogar starke Männer Respekt vor ihm haben. Hockt dann strickend auf einem Baumstrunk, bis es Abend ist. Einmal ist ein Gitzi mit gehupft. Aber dann war es plötzlich nicht mehr da. Fürs Leben gerne hätte Anneli nur ein einziges Mal von der Geissenmilch gekostet, die Magdalena Widmer der Ziege allabendlich aus dem Euter zieht. Wenn es nur wüsste, ob sie wirklich eine Hexe ist. Luise Brügger hat mit schrecklich rollenden Augen zur Mutter gesagt, auf dem Hausgiebel der Widmerin würden mehr Krähen landen als auf andern Dächern. Gfürchig sei das. Misstrauisch äugt Anni zum Dach empor und atmet erleichtert auf. Keine Krähen … in Ewigkeit Amen.


Unter Cowboys

Die Show startete mit Clowns. Zähe, mutige Burschen, die jederzeit bereit waren einzugreifen, sollte etwas Unvorhergesehenes passieren. Immer voll präsent, mal zu Pferd, mal zu Fuss, für die Sicherheit unentbehrlich, täuschten sie mit ihren Kapriolen Leichtsinn und Sorglosigkeit vor. Die Kälber, die von einer Ecke in die andere getrieben, mit den Lassos von galoppierenden Pferden aus eingefangen wurden, dauerten mich furchtbar. Sobald der Cowboy mit dem Lasso erfolgreich war, ritt er hart an das Kalb heran, liess sich auf das Tier fallen und brachte es mit Hilfe seines Körpergewichts zu Boden, wo er ihm blitzschnell die vier Füsse zusammenbinden musste. Exakt bis zu diesem Augenblick wurde die Zeit gestoppt, anschliessend durfte sich das befreite Tier wieder zu den andern begeben. Sieger war derjenige, der das alles am schnellsten zu Stande brachte.
Brahma- und Mex-Bullen wurden als Pausenfüller eingeschleust. Die Clowns föppelten und reizten sie zum Ergötzen der Zuschauer. Sie trieben das Spiel so weit, bis die Tiere angriffen. Sobald die Situation brenzlig wurde, rettete sich der Angegriffene mit akrobatischem Sprung auf den nächsten Zaun. Die Menge grölte.

Das Stierereiten war das Verrückteste, das ich je gesehen hatte. Der Stier stand in einem engen Gatter, welches zur Arena hinaus führte. Eine Gurte schnürte ihm die Lenden zusammen. Über dem Gatter stand der Reiter mit gespreizten Beinen. Er liess sich auf das Tier fallen, sobald das Glockenzeichen ertönte und vorne die Absperrung geöffnet wurde. Bockend stürmte das Tier mit dem Reiter hinaus auf den Platz. Wilde Verrenkungen zeigten, wie unangenehm dem Stier die Behandlung war. Keiner der Reiter konnte sich lange auf seinem Rücken halten.Man zählte die Sekunden. Lag der Reiter schliesslich am Boden, sprengte ein Cowboy auf seinem Pferd heran, befreite den Stier mit einer geübten Bewegung von der Gurte und trieb ihn vom am Boden Liegenden weg. Sogar Kinder liess man diesen rückenbrechenden Sport ausüben. Man sah viele Tränen!
Den Höhepunkt aber bildete das Broncriding. Auch die Broncos warteten in der Gatterschleuse mit vor Angst rollenden Augen auf den Reiter, der sich wie ein wildes Tier auf ihren Rücken plumpsen liess, sobald das Glockenzeichen ertönte. Wie bei den Stieren band man auch den Pferden eine Gurte um die Lenden, die blitzschnell zugezogen wurde, bevor sie bockend in die Arena hinaus stürmten.

Broncrider waren die Helden des Tages. Sie genossen ein hohes Ansehen, stellten sozusagen die Verkörperung des Edel-Cowboys dar. Fast alle hatten irgendwelche krummen Gliedmassen. Das Resultat unzähliger Blessuren und Knochenbrüche.

Das Volk amüsierte sich, die Leute drückten ihre Begeisterung mit anfeuernden Zwischenrufen, aber auch mit Pfiffen ihr Missfallen aus, wenn der Reiter nicht ihren Vorstellungen entsprach. Country-Musik schepperte aus unzähligen Lautsprechern.